Wie der Mauerfall von Berlin

Abgelegt unter Allgemein am 05.11.2008

Schon den ganzen Tag über war die Nervosität und die Frage, was dieser Wahltag in den USA wohl bringen würde, in Berlin zu spüren. Erst bei der Vernissage bei Charlotte Noblet im Berlinkaffee, dann am US-Wahlabend im Kino Babylon. Wie viele sass auch ich dann heute bis früh morgens vor der Glotze und verfolgte die Hochrechnungen. Die Rede Obamas nach seinem historischen Siege, wo er die historische Stunde und Chance dieser Wahl beschwor, war reine Gänsehaut. Jeder, der nur ein bisschen ein Gespühr für Zeitgeschichte hat, realisierte: Das ist Geschichte, was hier gerade passiert. Ich fühlte mich an grosse Reden von grossen Politikern zurück erinnert, wie sie vielleicht, ja, fast 20 Jahre zurückliegen. Verdammte zwei Jahrzehnte. 1989, vor und rund um den Fall der Berliner Mauer. Dieser 4.11.2008 ist für viele wohl erneut ein ganz persönlicher Mauerfall.

Zittern am Berliner Kunstweekend

Abgelegt unter Allgemein am 02.11.2008

Extra für das Berliner Kunstweekend war ich wieder da. Es ist für mich stets einer der Jahreshöhepunkte in der Stadt. Noch müde vom Nachtflug, machte ich mich früh zum Flughafen Tempelhof auf, wo in Hangar II (ein phantastischer Ort!) die Preview über die Bühne ging. Interessant, es gab aber auch allerhand Durchschnittsware. Lohnenswert war ein Stopp am grossen Adlerkopf vor dem Flughafengebäude, wo rote Grablichter glimmten und Tafeln mit traurigen Abschiedsworten standen. Danach ging es mit U2 flugs an den Ku’damm zur “Berliner Liste”, wo ich befreundete Galeristen und Künstler traf. Was auffiel: Es wurde ausgesprochen viel Champagner getrunken. Wie, um eine unterschwellig grassierende Nervosität wegzuschwemmen. Als ob dem Kollabieren der Finanzwelt der Kollateralschaden in der Kunstwelt folgen würde. Ein ähnliches Bild bot sich am Berliner Kunstsalon im Umspannwerk an der Kopenhagenerstrasse. Zum Schluss dieses aufregenden Tages quälte ich mich noch nach Kreuzberg durch den dicken Novembernebel zum Schwiizli-Treffen im Regenbogenkino. Es schöner Ausklang.

THF schliesst

Abgelegt unter Allgemein am 31.10.2008

Sitze in Luzern in einem Kaffee und lese: Heute schliesst der Flughafen Tempelhof in Berlin. Wenn ich in Berlin wäre, würde auch ich heute bei der Abschiedsfeier Grablichter aufstellen. Ich sehe es viele: Die Schliessung hätte nicht sein müssen. Ich hoffe, Wowereit kriegt bei den nächsten Wahlen in Berlin einen Denkzettel.

Am Palast-Grab

Abgelegt unter Allgemein am 22.10.2008

Obwohl vor dem Abflug nach Zürich immer Stress ansteht, nahm ich mir heute endlich Zeit, um den weiss-blauen Kasten am Grab des Palastes der Republik unter die Luppe zu nehmen. Noch ist die temporäre Kunsthallte nicht eröffnet, sie sieht aber schon schmuck aus. Die kümmerlichen Betonpfeiler, die von Erichs Lampenladen übrig sind, boten ein deprimierendes Bild. Lustlos machte ich ein paar Bilder zwecks Dokumentation. Kaum zu glauben, wenn man an die tollen Kunstevents und Parlamentssitungen zur Wendezeit denkt, die hier stattfanden. Ich wollte schon säuerlich abrauschen, da verfing ich mich in ein langes Gespräch mit einem Ostdeutschen, der hier als Abrissarbeiter sein Werk tut. Er floh 1987 nach Westberlin, liess alles hinter sich. Alles und das zwei Jahre vor dem Fall der Mauer. Das ist die andere Seite der Geschichte, die an diesem seltsamen Grabfeld auch zum Vorschein kommt.

Stromausfall

Abgelegt unter Berlin am 06.10.2008

Stromausfall an der Raumerstrasse und etlichen Strassen im Prenzlberg mehr. Während ich dies schreibe, weiss ich nicht, wie lange der Strom hält. 3 Mal ging das Licht an einem Abend schon aus. Das letzte Mal habe ich dies in den 90ern erlebt, als in der Hochphase des Baubooms in Berlin immer wieder mal Bagger die falschen Kabeln erwischten. Stundenlang ging dann nichts mehr. Meist passierte das auch noch in den Nachtstunden, wo einige Bauarbeiten bevorzugt über die Bühne gingen. Genau in den Stunden auch, wenn Journalisten arbeiten wollen. In meinem damaligen Büro an der Rosenthaler 39 holte Kevin dann meist den Cognac aus dem Schrank.

Der Groll der alten Dame

Abgelegt unter Berlin-Kastanienallee am 05.10.2008

Das Wetter war an diesem Sonntag ziemlich schauerlich, nur wenige Leute verirrten sich in die Zionskirche. Eine Person unterhielt mich dennoch glatte 2 Stunden. Sie schaute sich meine Berlin-Bilder an und hatte, wie viele vor ihr auch, einige Dinge zur Stadt zu sagen, die ich nicht weiss. Die Frau, alt, todkrank und noch immer als Journalistin arbeitend, erzählte dabei u.a auch ihre Lebensgeschichte. Sie sprach vom Leben ihrer Grosseltern in Berlin, von ihrer Flucht als Kind aus Preussen, vom Alltag in West-Berlin, von Ulrike Meinhof, die sie kannte und ihrem Argwohn gegenüber einzelnen Juden, “die sich alles erlauben können”. Wo ist eigentlich das Denkmal für die Opfer der Vertreibung, fragte sie. Die Frau hat viel erlebt. Am grössten ist ihr Groll aber über die Latte macciatto schlürfenden Leute in Gegenden wie hier, die, statt sich politisch heute zu engagieren, nur um ihr eigenes kleinbürgerliches Wohl kümmern. Obwohl gerade die Welt aus den Fugen zu brechen scheint (Finanzkrise). Da hat sie verdammt noch mal nicht unrecht.

RAW-Tempel, Besuch bei den Bildern

Abgelegt unter Berlin-Stadtentwicklung am 03.10.2008

Zum 18. Mal 3. Oktober. Dieses merkwürdige Datum, zu dem viele so zwiespältige Gefühle haben. Nachmittags Besuch bei meinen Berlin-Bildern in der Zionskirche. Es geht ihnen gut. Die Leute, die sie besuchen, sehen sie lange an. Manche brauchen gar keine Erklärungen. Anschliessend zum RAW-Tempel in Friedrichshain. Thema dort: 1 Jahr Projekt “Mediaspree versenken”. Passt irgendwie zu diesem Datum.

Russische Tapeten und zwei Katzen bei Inga Jacob

Abgelegt unter Berlin-Stadtentwicklung, Berlin-Kunstszene am 02.10.2008

Heute Interviewtermin bei Inga Jacob, der Gründerin der Veranstaltungsreihe Bohème sauvage in Friedrichshain. Ich war sicher ein Jahr nicht mehr in der Gegend rund um die Simon-Dach-Strasse. Auch hier ein ähnliches Bild wie in vielen Vierteln Berlins. Schmuddelige Lokale und szenige Bars sind teuren Bio-Läden und “Lofts” gewichen. Dicke Autos überall. An der Frontseite des Café Cinema prangt jetzt ein Bankautomat. Hätte man das nicht ein wenig dezenter machen können? Das unsanierte Haus von Inga Jacob strahlt noch wohltuenden Charme aus. Und erst die Wohnung, in der sie mich mit Konstantin empfing. Von oben bis unten mit edlen russischen Tapeten gekleidet, dazu Dinge wie ein altes Gramophon, grosse Spiegel, Bücher über die 20er Jahre in Berlin und zwei anhängliche Katzen. Gibt es schönere Arbeitsbedingungen?


© 2008 Vera Rüttimann