Geschichtsstunde in Niedertrebra
Abgelegt unter Kirche, DDR am 12.05.2008 Auf Einladung einer Freundin ging es heute nach Thüringen. Noch ziemlich verkatert vom Abschlussfest der Schweizer nach dem Karneval der Kulturen, schaffte ich es, mich heute um 8 Uhr am Hauptbahnhof in den ICE nach Leipzig zu setzen. Erstmals seit 1990 führte mich der Weg wieder einmal nach Weimar, und dann in einen Ort namens Niedertrebra. Estmals seit 1990 erkannte ich einen Bahnhof auch nicht als Bahnhof. Dort, wo ich hätte aussteigen sollen, war nämlich nur Gras. So landete ich eben in Bad Sulza. Im tiefen Osten. Ich stiess zu einer Runde von Ostdeuschen, die sich vor Jahrzehnten im Pro-Seminar in Naumburg kennen gelernt hatte und sich nun auf dem Pfarrhof in Niedertrebra traf. Einige unter ihnen arbeiteten als Dorf-Pfarrer. Bei herrlichster Naturidylle samt Katzen ging es auch um Unerledigtes aus ihrer Vergangenheit. Die Leute in dieser Gegend haben in der DDR finstere Zeiten erlebt, viele junge Leute gingen damals nach Westdeutschland. Mit oft bitteren Folgen. Leid entstand bei denen, die gingen und bei denen, die bleiben mussten oder wollten. Diese Wunden, das bekam ich als Zaungast mit, sind bis heute bei vielen noch immer nicht verheilt. Nach so vielen Jahren. Die Zeit heilt eben nicht alle Wunden.
Eine grosse Überraschung erwartete uns in der Scheune, die die Pfarrerin als eine Art Heimatmuseum umfunktioniert hat. Darin waren die wundersamsten Dinge aus dem DDR-Alltag zu finden: Puppen, Schulbänke, “Tempoerbsen” und andere Nahrungsmittel, ein Krämerladen für Kinder, ein Bildnis von Walter Ulbricht, ein roter Holzkäfer auf Rädern (den ich am liebsten mitgenommen hätte) Küchenutensilien aus Omas Zeiten - und ein Schild “Bodenreform 1945″. Vieles von dem “Zeug”, sagte die Pfarrerin, sammelte sie in den letzten Jahren auf Flomärkten der Region zusammen. Manches gammle noch immer irgendwo in Scheunen vor sich hin. Nach 1989 wurde dieses “Zeug” oftmals einfach in den Sperrmüll geworfen. Mein Herz war schwer, als ich die Scheune verliess. Vor allem, als ich an die frisch renovierten Dörfer in Brandenburg voriger Woche dachte, wo heute die Kaisers und Schleckers regieren und ein Haus gleich aussieht wie das andere. Modern halt, aber ohne Patina. Still ging es auch im Kloster Pforta zu, dem wir auf der Rückreise nach Berlin einen Besuch abstatteten. Wahrlich kontrastreiche Tage.

































