Archiv Februar 2008

Mit Ernst Heller zu “Wetten dass, ..?” in Dresden

Abgelegt unter Ernst Heller am 23.02.2008

Um 6.45 Uhr Abfahrt vom HB Berlin in alten Ostzügen nach Dresden. Auch nach fast 20 Jahren gibt es immer noch kein ICE in die Elbstadt. Dafür bescherte es mir ein Reisegefühl, dass mich an meine abenteuerlichen Berlin-Dresden-Prag-Budapest Zugsreisen Anfang der 90er erinnerte. Saure Gurken und dünner Kaffee in der Mitrobar, ranziger Geruch im Zug, braune Sessel im Abteil und Blümchentapeten. Um 9 Uhr traf ich Ernst Heller im Hotel Mercure, der am Abend in der Sendung “Wetten, dass …?” auftreten sollte. (Die Gegend rund um die Prager-Strasse erkannte ich kaum mehr wieder. Alles zugebaut) Zuerst aber, bei herrlichstem Wetter, die Stadtbesichtigung. Besonders berührt wohl jeden hier die wiederauferstandene Frauenkirche. Meinen Schweizern kann ich es kaum wirklich nachvollziehbar machen, dass ich hier 1990 bloss vor einem Steinhaufen stand. Es geht mir mit so vielen Gebäuden so, wo der Aussenstehende glaubt, dass sehe seit Jahrzehnten so aus. Oh  nein, mitnichten. Diese Transformationsprozesse muss man selbst gesehen haben, man kann es den Leuten nur noch mit Bildern und Filmen zeigen. Das schmerzt mich auch, sehr sogar. Danach Besichtigung der Semperoper, Zwinger und Sophienkeller, wo es deftige Sachsenküche gibt. Jeden Gast führte ich immer auch in die Neustadt, wo noch ein paar meiner Kneipen mit Nachwende-Charme überlebt haben. Wie die “Planwirtschaft”, wo ich 1993 ein gutes Stück meiner Gerichtsreportage über den Modrow-Prozess schrieb. Am Abend dann das Kontrastprogramm in der Messe Dresden, wo die Live-Show mit Frank Elstner über die Bühne ging. Ernst Heller bewarb sich mit Pfarrkollegen um den Titel “Witzbold des Jahres 2008″. Er schied zwar aus, dennoch war es erstklassige Werbung für mein bestes Pferd im Stall! Danach der Pflichtteil mit der Aftershow-Party im Hotel Mercure, wo sie alle wieder anzutreffen waren: Howard Carpendale, Gabriele Pauli, Wolfgang Stumph und Frank Elstner. Ein extrem facettenreicher Tag neigte sich dem Ende zu, der für mich im szenigen Rucksack-Hostel “Mondpalast” in der Neustadt endete.

Flug Zürich-Berlin

Abgelegt unter Allgemein am 22.02.2008

Flug Zürich-Berlin. Geärgert über rücksichtslose Passagiere, die ihre Stühle so weit zurückschrauben, dass man nur noch Sandwich ist. Billige Preise, billige Leute. Das stimmt manchmal. Kaum angekommen in Berlin, Anruf der Bild-Zeitung. Ein Porträt über Ernst Heller ist in Vorbereitung. Pressebilder versenden. Schnell umpacken, Ticket besorgen, Kräfte sammeln für das Weekend in Dresden.

Fiese Hunde, Kinder-Alarm

Abgelegt unter Berlin am 10.02.2008

Ein warmer Februar-Sonntag. Runter zum Galao, Zeitunglesen, Kaffee trinken. Als ich mir alles gemütlich einzurichten begann, ging alles blitzschnell. Kuchen weg gefressen, Latte macciato umgeschmissen. Grosse Sauerei. “Blödes Vieh!”, sagte ich laut. Das kam nicht gut an. Statt verständnisvollem Kopfnicken erntete ich lange, böse Blicke. Sehr böse Blicke. Merke: Äussere vor Deutschen (vor allem Berlinern) nie etwas Negatives über Hunde. Fall II: In der “Welt am Sonntag” las ich in einem Report, dass viele Mütter ihre Kinder neuerdings auch (oh nein!) in coole Clubs wie das Cookies mitnehmen würden. Dort - und an etlichen anderen Szene-Orten auch - gebe es neuerdings immer mehr Kinderecken. Und spezielle Kindertage. Kindertage! Ich wurde dunkelrot im Gesicht, mein Frust stieg ins Unermessliche. Kinder gehören auf Spielplätze, nicht aber in Überzahl in Clubs und Szenekaffees. Mit ihrem Kinderkram nimmt man unseren Orten den Groove, das Coole, dass wir doch so an ihnen lieben. Kinderwagen vor dem Cookies? Was für eine Gemeinheit. “Blöde Kinder”, moserte ich mehrmals, als ich die Kastanienallee hochlief. So weit ist es mit Mitte und Prenzlberg gekommen. Ab heute träume ich nicht mehr nur von rauchfreien Zonen, sondern auch von kinderfreien Zonen. Ich bin gewiss nicht die einzige.

Grosses Kino am Flughafen Tempelhof

Abgelegt unter Berlin-Stadtentwicklung am 09.02.2008

In der Haupthalle des Flughafens Tempelhof lag das Gepäcksband für einmal nicht regungslos da. Aufgrund der Berlinale war sogar für Tempelhofer Verhältnisse einiges los. Auch sonst war die monströse Halle gut gefüllt. ICAT, die Interessengemeinschaft, die das Volksbegehren zur Offenhaltung des Flughafens lanciert hat, lud heute Samstag zur Tempelhof-Party Es kamen viele Westberliner, meist um die 60. Als flugbegeisterter und an Zeitgeschichte interessierter Mensch, kam ich im Flughafenrestaurant schnell ins Gespräch mit Veteranen, die selbst Rosinenbomber flogen und auch mit Berlinern, die die Luftbrücken-Tage noch erlebt hatten. Ihr Star war natürlch Gail Halvorsen, der Candy-Pilot, der damals mit den Flügeln wackelte, wenn er wieder Süssigkeiten runter warf. Star war jedoch einmal mehr der Flughafen selbst. Unter dem Hangar des zweitgrössten Gebäudes der Welt standen einige liebevoll restaurierten historischen Flugzeuge. Man hing buchstäblich an den Scheiben. “Jetzt geht wieder eine!”, rief immer einer. Wie silberne Zigarren schossen sie über das Rollfeld und verschwanden zu ihrem Nachtflug. Ein einzigartiger Ausblick. Grosses Kino! Berlinale, wie? Danach lärmte eine Rockband, swingte Andrej Hermlin mit seinem Orchester. Dazu servierten Damen Lufthansa-Schnäppse. Auf ihrem Kopf trugen sie so etwas wie eine Miniatur-Nachbildung der “Hungerharke”. Stylisch. Als Schweizer war ich wieder einmal weit und breit allein auf der Flur, was neugierige Fragen nach sich zog. Typisch: Anders als zu den Aktionen zum Palast der Republik zieht es zu Tempelhof-Aktionen kein Jungvolk aus Mitte und Prenzlberg. Der Nazi-Flughafen ist wohl nicht szenig genug. Auch muss man ein bisschen etwas über seine Geschichte wissen. Cool fand ich aber die Westen, die die ICAT-Helfer trugen. Wenn ich eine haben wolle, so ein ICAT-Mann, müsse ich sie mir schon “verdienen”. Konkret: Ich muss demnächst mal vor einem der Berliner Bezirksämter stehen, um dort für Tempelhof zu werben. Wenn ich als Nicht-EU-Bürger schon nicht abstimmen darf, mach ich das eben.

Rockende Echsen zum Berlinale-Auftakt

Abgelegt unter Berlin am 08.02.2008

Frühstück im “Eckstein”. Der Tagesspiegel sprach heute von rockenden Echsen und züngelnden Panzertieren auf der Bühne. Klar, damit sind die Rolling Stones gemeint, denen gestern im Berlinale-Auftakt-Film “Shine a Light” gehuldigt wurde. Die Stadt wird in diesen Tagen erstmals so richtig wieder zum Genuss. Partys im Borchardts, Kameraschlachten am Potze, Filmfieber in den Lichtspielhäusern. Geniessen konnte ich das alles heute noch nicht, die Vorbereitungen zu meiner Recherche-Reise nach Leipzig standen an.

“Der beste Ort auf dem Planeten”

Abgelegt unter Berlin, Berlin-Kunstszene am 07.02.2008

“Der beste Ort auf dem Planeten” übertitelte die Süddeutsche heute einen Artikel über die Gründe, weshalb immer mehr Künstler aus aller Welt Berlin als neue und kreative Wahlheimat schätzen. Dachte: Ein bisschen grössenwahnsinnig geraten der Titel, aber irgend etwas ist daran nicht verkehrt.

Leipzig wieder entdeckt

Abgelegt unter Allgemein am 06.02.2008

Gerade in den Tagen, wo sich wegen der beginnenden Berlinale wieder alles um Berlin zu drehen scheint, tauchte ich gedanklich tief ab in eine ganz andere ostdeusche Stadt, die bei mir in den letzten Jahren ein wenig in den Hintergrund gerückt ist: Leipzig. Ausgerechnet die Stadt, wo ich mich Mitte der Neunziger oftmals aufhielt und unvergessliche Momente in Abbruchruinen in Plagwitz erlebte. Aufgrund der Recherche zur dortigen Kunstszene staunte ich, was sich dort an kulturellen- und gesellschaftlichen Aufbrücken inzwischen getan hat. Die Leipziger Schule ist beileibe nicht an mir vorbei gerauscht, nur allein Berlin zieht stets so viel Energie ab, dass für andere Orte manchmal wenig übrig bleibt. Leipzig aber, das ist wieder meinen Blickwinkel gerückt.

Stilprägende Magazine

Abgelegt unter Berlin-Kunstszene am 05.02.2008

An manchen Tagen steure ich lustvoll den Kiosk unter dem S-Bahnhof Eberswalder-Str. an. Ein lärmiger, zugiger Ort, der nicht selten nach Urin stinkt. Den man normalerweise meist schnell und mit geschlossenen Augen hinter sich lassen will. Doch da liegen sie, meine Kinder. Sie heissen: 032c, Liebling, Dummy, Monopol, Qvest. Neue Kultur- und Lifestyle-Magazine aus Berlin. Die meisten von ihnen sind gerade mal drei Jahre alt, das neueste, Bang Bang Berlin, ist gerade erst erschienen. Ohne sie ist mein Sonntag kein Sonntag. Der Latte nur halb so gut. Sämtliche Trend-Cafés sind mit ihnen heute gepflastert. Nur wenige glaubten damals an ihre Zukunft, doch in ihrem Mix aus Hardcore-Themen aus Berlins Untergrund, Erotik und schöngeistigen Kunst-Reportagen, flankiert mit sperrigen Bilder und Layout, haben sie offensichtlich bei vielen einen Nerv getroffen. Bei jenen, die sich an profillos gewordenen Magazinen wie dem Stern sattgelesen und gesehen haben. “032c” aus Berlin wurde von der Herald Tribune gerade zum Magazin des Jahres gekührt. Was mich dabei fasziniert: Diese Magazine schaffen selbst Trends und Stile, wollen ein Brand, ein Fels in der Printflut sein. Sie warten nicht, bis ihnen die Leser die Themen zutragen. Und die Nischenmagazine haben damit tatsächlich Erfolg.


© 2008 Vera Rüttimann