Viele Bilder gingen mir heute morgen durch den Kopf, als ich mich auf den Weg zum Estrel Convention Centre machte, wo an diesem Wochenende PDS und WASG zur neuen Partei “Die Linke” fusionierte. Relativ emotionslos verfolgte ich im Plenum erst die Reden, auch konnte ich nicht mehr viele Leute begrüssen, da einige Freunde und Bekannte die PDS längst verlassen haben. Ein wenig wehmütig um’s Herz wurde mir aber dann doch, als ich zur späten Stunde Gregor Gysi’s letzter Rede auf einem PDS-Parteitag lauschte. Rethorisch brilliant und emotional (Gysi at his best!), erinnerte er noch einmal an Unvergessliches aus den vergangenen 17 Jahren: An den SED-Sonderparteitag 1989 und die Krisenparteitage in den Nachwendejahren, als es um die nackte Existenz der PDS ging; An aufwühlende Demos und Künstleraktionen; An bedrohliche Finanzkrisen und den Hass der Polit-Eliten aus dem Westen, den PDS-Politiker in Bonn spürten; An gefeierte Wahlerfolge in den Ländern und den verfehlten Wiedereinzug in den Bundestag. Beinahe alles habe ich ja selbt mitverfolgt und miterlebt. 17 Jahre lang! Mal mit ungeheuer viel Sympathie, mal mit wohlbegründeter, tiefer Abneigung. Über Jahre selbst in ihr aktiv, hat diese Partei mich doch in meinen Ansichten über Politik, Gesellschaft und das Parteileben zutiefst geprägt. Negativ wie positiv. Während ich den Reden von Gysi, Bisky und Co. lauschte, wurde mir auf neue Weise klar: Ob ich will oder nicht, die PDS war eine einschneidende Phase in meinem Leben, ist unauslöschlich in meinem Inneren eingebrannt. Zu einmalig und historisch waren einige der Erlebnisse vor allem in den Anfangsjahren, zu schön die Höhepunkte, zu schmerzvoll und folgenreich aber auch die Enttäuschungen vor allem über Menschen in der PDS. …
Noch einmal also konnte ich mit Freunden die Rituale beobachten, die uns all die Jahre über treu begleitet haben: Die mahnende Eröffnungsrede von Hans Modrow, das holperig abgelesene Referat von Lothar Bisky, den madonnenhaften Auftritt von Sarah Wagenknecht und die endlosen “GO”-Anträge. Die Begrüssung der “Genossen” aus Kuba, Chile und Frankreich, den Klatsch und Trasch in den verrauchten Hallengängen und klassenkämpferische Lieder von Konstantin Wecker. Zum Schluss die “Internationale” samt hochgehaltener Faust. Ein ehrlich gemeintes Ritual auch, als Gregor Gysi Hans Modrow wüdigte, der die Idenität der PDS entscheidend mitgeprägt hat. Auch erinnerte er an seine Leistung als DDR-Ministerpräsident. (Gysi: “Das wurde auch in Ostdeutschland viel zu wenig gewürdigt”) Standing Ovations. Ich gönnte es ihm von Herzen.
Gregor Gysi knipste also für die PDS das Licht aus. Und jetzt? Ob da etwas zusammenwächst, was wirklich zukunftsfähig ist und neue, junge und unverbrauchte Leute anzieht, bezweifle ich derzeit. Ich lasse mich aber gerne eines Besseren belehren. Ganz geheuer jedenfalls ist mir Oskar Lafontaine nicht. In meinen Augen ein Populist und Spalter, der der neuen Partei eher schadet, als nützt. Wer weiss, ob er nicht irgenwann wieder den “Lafontaine” macht und seine Sprunghaftigkeit unter Beweis stellt. Da war und ist mir der sozialistische Feingeist Gregor Gysi lieber. Faszinierend zu beobachten war auch, was da im Estrel schon rein äusserlich aufeinander traf. Hier die PDS, deren Funktionsträger heute meist in feinem Zwirn steckt, dort die WASG-Leute, die vom Habitus meist wie Bewohner alternativer WG’s daherkommen. Ex-SPD, Verdi und IG-Metall trifft nun auf Leute, die vorher grösstenteils schon in der SED waren. Eine brisante Mischung, die, kein Frage, Spannung verspricht. Ich beobachte weiter.