Archiv Dezember 2006

Silvester im Pressebüro

Abgelegt unter Taizé am 31.12.2006

Während andere sich heute in der Stadt die Kathedrale, die Museen oder den Jelacic-Platz anschauten, musste ich im Pressebüro schmoren. Wie seit vielen Jahren, stand auch heute der Bericht für die katholische Nachrichtenagentur Kipa an. Man muss schon aus hartgeschnittenem Holz sein, um hier zu arbeiten: ständig stürmten Journalisten, Kardinäle oder sonstiges Volk in den Presseraum. Der Kaffee war alle (fürchterlich), die wichtigsten Pressemeldungen vergriffen. Der wohl grösste Vorteil dieses Büros: Man hat ein eigenes Klo. Gestern wurde mir zudem eine Meldung bestätigt, die zuvor schon durch die schweizer Reihen zirkulierte: Das nächste europäische Taizé-Treffen findet 2007/2008 in GENF statt! Boah ey. Nach dem Gebet, das bis kurz vor Silvester in der Messehalle dauerte und einem noch einmal die Gelegenheit gab, dieses unruhige Jahr innerlich Revue passieren zu lassen, ging es zurück in die Gastgemeinde, wo das traditionelle “Fest der Nationen” stattfand. Viele Rumänen feierten ausgelassen mit. Ab morgen gehören auch sie zur EU.

Die Wunden des Krieges

Abgelegt unter Taizé am 30.12.2006

Diese Treffen sind meist eine geniale Möglichkeit, etwas von einer ansonsten fremden Gesellschaft zu erfahren. Es sind erst wenige Jahre her seit dem Balkan-Krieg, so bewegten sich naturgemäss viele Gespräche in den Familien, in den Messehallen und an Workshops um die noch nicht verheilten Wunden des Krieges. Ich schloss mich heute einer Gruppe an, die mit ihrer Gastmutter Nada den Mirogoj-Friedhof in Zagreb besuchte. Es war nicht die Ruhestätte für Kroatiens Präsident Franjo Tudman, die uns berührte, sondern die vielen Gräber, auf denen die Todesjahre “1991″, “1992″ und “1993″ vermerkt waren. Der Krieg, das ging mir beim Gebet in der Messehalle durch den Kopf, ist hier noch schrecklich präsent. Â

Hässliche Messehallen, zauberhafte Stimmung

Abgelegt unter Taizé am 29.12.2006

Nach Andacht und Gesprächsrunden in der Gastgemeinde ging es zur Velesejam-Messehalle in Zagreb-City. Ein ausgesprochen hässlicher Bau. Drinnen sassen die Leute währen des Essens auf einem ölverschmierten Boden. Dennoch: Das Dekorationsteam hatte wieder ganze Arbeit geleistet. Als sich die 40 000 Taizé-Pilger zum Gebet versammelten, schauten sie auf eine riesige, orange Lichtfront. Ikonen und Gesänge liessen Stress und Ärger der vergangenen Wochen wie Schnee an der Sonne schmelzen. Auch bei mir kam eine innere Leichtigkeit auf, die mich durch den ganzen Tag trug.

Mit der Stadtkarte ins Nirgendwo

Abgelegt unter Taizé am 28.12.2006

Diese Treffen funktionieren seit 30 Jahren nach dem selben Prinzip, so auch in Zagreb: Nach der Ankunft an einem “deutschen Empfang” erhielten wir Stadtpläne, Essens- und Bahntickets, den Brief aus Taizé und ein paar Worte, was Taizé überhaupt ist. Für alte Hasen nichts Neues. Mit diesem Packet warfen wir uns auf der Suche nach der Gastgemeinde in den fremden Dschungel der Stadt. Die falsche Abzweigung nehmen, kein Wort verstehen, eine Tafel übersehen - all das gehört meist zum Prozedere des ersten Tages. Angekommen in der Gastgemeinde St. Antoni an der Avenia Vukovar nahe des Stadtzentrums, wurden wir erneut geteilt und mit vielen anderen Nationen in Gastfamilien verteilt. Dieser Moment ist mit Vorfreude, aber auch mit Unsicherheitsgefühlen verbunden. Werden wir uns sprachlich verstehen? Passen wir zusammen? Und: Werde ich die Adresse finden? Maria hiess meine Gastmutter, die mich für vier Tage in ihrer Privatwohnung aufnahm. Eine herzensgute Frau, die dem Gast ihr Ehebett zur Verfügung stellte und mir die ganze Wucht der kroatischen Gastfreundschaft zukommen liess. Schon zur Begrüssung gab es Pflaumenschnaps und Rohschinken.

Auftakt zum Taizé-Treffen in Zagreb

Abgelegt unter Taizé am 27.12.2006

Von der üppigen Weihnachtsfeier noch etwas schwerfällig, machte ich mich gegen 19 Uhr auf zum Hauptbahnhof in Zürich, wo der Zug nach Zagreb bereit stand. Das 29. europäische Taizé-Treffen stand an. Ich habe schon lange aufgehört zu zählen, aber es ist wohl mein 22. Treffen seit Rom im Jahre 1986. “Quer durch Europa und zurück” könnte ein Arbeitstitel für diese Jahre lauten. Diese Treffen haben meinen Horizont gesprengt, das Leben auf den Kopf gestellt. Wer einmal an einem Taizé-Meeting zu Jahresfrist teilgenommen hat, kehrt innerlich meist verändert zurück. Das wird bei vielen auch nach Zagreb nicht anders sein.


© 2006 Vera Rüttimann