Archiv November 2006

Hype Gallery

Abgelegt unter Fotografie am 16.11.2006

Die Leute standen hier über Tage stundenlang Schlange. In ihren Taschen ein Speichermedium mit Bildern drauf. Die Hype Galerie im Café Moskau an der Karl-Marx-Allee druckte Motive zum Nulltarif auf hochwertiges Druckpapier und hing sie in der Café-Galerie auf. Als ich heute antrabte, hiess es: Keine Annahme mehr von Aufträgen wegen Überarbeitung. Der Ärger des Jahres. Werde 2007 wohl nach Madrid fliegen, wo die Hype Gallery wieder stattfinden soll.

Blau im Schwarzsauer

Abgelegt unter Berlin-Kastanienallee am 15.11.2006

Ein herrliches Licht herrschte heute. Also Kamera eingepackt und los. Der erste Stopp wie so oft am Café Schwarzsauer in der Kastanienallee. Was für ein sonderbarer Ort, dachte ich heute wieder. Man trifft hier zu allen Tages- und Nachtzeiten Leute an, die Latte Macchiatos schlürfen. Die Leute aber, die sind der Gipfel. Das Grüppchen hier hatte schon um 11 Uhr ein Schuss Rum in der Cola. Hatten wohl eine Club-Tour hinter sich. Hätte einer ihre Köpfe aufgeschnitten, wäre daraus wohl ein wüster Buchstabensalat herausgequollen. Die anderen Freaks, Studenten und Werber hinter der breiten Fensterfront nahmen’s gelassen. In diesem Wohnzimmer heisst die Devise: Leben und leben lassen.

Wolf lässt mich nicht los

Abgelegt unter Berlin-Nachwende am 11.11.2006

Es ist schon wahr, wenn einige monieren, mein Kommentar zu Markus Wolf’s Ableben sei etwas zu zynisch ausgefallen. Dieser Mann, dessen Familiengeschichte für die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts steht, hat natürlich auch mich nie kalt gelassen. Gerade habe ich das Buch die “Troika” aus einer der untersten Schubladen wieder hervorgekramt. Um die 89er Wende war das Buch, das von der lebenslangen Freundschaft der Söhne dreier Emigrantenfamilien handelt, fast Pflichtstoff. So sehr machte Markus Wolf als Buchautor Furore. In den Jahren nach der Wende tief in PDS-Kreisen verkehrend, traf ich immer wieder auf ihn. An Lesungen im Club der deutsch-russischen Freundschaft, im Gebäude des “Neuen Deutschland”, mit Hans Modrow in der PDS-Parteizentrale. Es war eine verrückte Zeit. Wenn Leute wie Wolf & Co. lasen, strömten die Massen.
Markus Wolf war ein faszinierender Mensch, umgab ihn doch eine im Osten selten anzutreffende aristokratische Aura. Der Spion a.D. hatte wenig gemein mit dem kleinbürgerlichen Habitus, den man in PDS-Kreisen so häufig antraf. Wenn ich den Namen Wolf höre, erinnere ich mich allerdings auch an die Tage und Wochen, in denen ich als Prozessbeobachter für Zeitungen in deutschen Gerichten sass. Es steht mir kein Urteil zu, dennoch: Damals versteinerte ich im Bank, als ich erkannte, dass dieser eigentlich geniale Kopf sich nie wirklich durchringen konnte, seinen moralischen Anteil am Scheitern der DDR klar und deutlich zu benennen. Aber freilich, da war er nicht der Einzige.

„Cloud Appreciation Society“

Abgelegt unter Allgemein am 10.11.2006

Hat jemand schon mal von der Cloud Appreciation Society gehört? Das ist eine Art Wolken-Club, in dem sich Leute treffen, die sich dem Cloud-Spotten widmen. Sie finden nichts langweiliger, als ein blauer, wolkenloser Himmel. Wie richtig, ich werde sofort Mitglied.

Ironie der Geschichte

Abgelegt unter Berlin-Nachwende am 09.11.2006

Berlin, 9. November. Während draussen der Herbstwind die Blätter durcheinander wirbelt, ist auch bei mir drinnen viel los. Auch wenn es seltsam klingt, aber ein Mauer-Besuch muss sein an diesem Tag. Also los zur Eastside-Gallery, um nachzuschauen, wie es ihr so geht. Sie hat Fieber. Ihre Haut, abgeplatzt. Die Bilder darauf, verblasst. Das Sacharow-Porträt, vor dem ich 1991 so stolz posierte, überpinselt mit schriftlichen Hinterlassenschaften aus aller Welt. Als ich vor dem kümmerlichen Rest der Berliner Mauer stand, war mir klar: In 10 Jahren wird sie an dieser Stelle wohl zerbröselt sein, wenn nichts geschieht. Ach ja, Markus Wolf, einst Spionage-Chef der DDR, ist gestorben. Für seinen Abgang hat er sich ja ein feines Datum ausgesucht. …

Digitale Bohème im Radialsystem

Abgelegt unter Berlin am 08.11.2006

Das Radialsystem lud heute ein zum Thema “Digitale Bohème”, ein Begriff, der durch das Buch “Wir nennen es Arbeit - Die digitale Bohème oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung” die Runde macht. Ein aufschlussreicher Abend, der aufzeigte, was das Web 2.0 möglich macht und wo es die digitalen Bohèmiens dereinst hinführen könnte. Der Satz des Abends: Nie mehr analog!

Kirche muss mehr Farbe bekennen!

Abgelegt unter Interreligiöser Dialog am 02.11.2006

Heute las ich diese Nachricht im Tagesspiegel: Pfarrer verbrennt sich in Erfurter Kloster. Aus Angst vor dem Islam hat sich ein 73-jähriger Pfarrer in Erfurt selbst verbrannt. Der Mann übergoss sich am Dienstag, dem Reformationstag, auf dem Gelände des Augustinerklosters mit Benzin und zündete sich an. Damit habe der 73-Jährige, der am Mittwoch seinen Verletzungen erlag, seine grosse Sorge über die Ausbreitung des Islams zum Ausdruck bringen wollen. In den letzten drei, vier Jahren habe er immer wieder gesagt, dass sich die evangelische Kirche stärker mit dem Islam befassen müsse. … ”
Dieses Datum sollte man sich wohl merken. In der Kirche, und wohl nicht nur in der evangelischen, wollte dieser Pfarrer ein Zeichen setzen, damit sie sich endlich inhaltlich verstärkter mit dem Islam auseinandersetzt. Vermutlich hat ihn verzweifeln lassen, als er erkannte, dass vielen Christen zu dieser Auseinandersetzung derzeit schlicht das geistige Rüstzeug fehlt. Was diese Tat wieder auslösen wird?


© 2006 Vera Rüttimann