Archiv Oktober 2006

Mit der Holga an der Olma

Abgelegt unter Ernst Heller, Circus am 18.10.2006

Die Olma, die Landwirtschaftsmesse in St. Gallen, verheisst: Magenbrot und Zuckerwatte, Ochsen und Hühner, Riesenrad und gebrannte Mandeln. Genau hier tauchte ich mit Circus-Pfarrer Ernst Heller ein, neue Fotos für einen Flyer müssen her. Einmal posieren auf der Gondel, im Kassenhaus, am “Hau den Lukas” und auf dem Ochsen-Wagen … Nach Jahren perfekt eingespielt, war die Foto-Session das reinste Vergnügen. An der Olma war auch die Holga dabei. Die Joy-Kamera ist eine wahre Wundertüte. Genau wie dieser Jahrmarkt hier.

Arme Stadt

Abgelegt unter Berlin am 16.10.2006

Das richterliche Urteil über die Finanzen der Stadt Berlin stimmt bedenklich. Soll die Stadt noch mehr verkommen? Jetzt soll auch noch die Modemesse Bread & Butter ganz nach Barcelona abziehen. Bittere Tage für Berlin-Euphoriker. Ungläubig fragt man sich jedoch: Wo bleibt der Aufschrei der etablierten Kulturleute, die doch alle einen Zweitwohnsitz hier haben möchten? Wo bleiben die Stimmen derer, die 1991 glühend für Berlin als deutsche Hauptstadt gestimmt haben? Berlin muss sich wohl wieder einmal selber auf die Beine helfen.

Fotografieren verboten!

Abgelegt unter Interreligiöser Dialog am 15.10.2006

Unterwegs zu einer Recherche-Tour zum Thema “Neues jüdisches Leben in Berlin”. Der Weg führte mich zu den Strassen hinter der Neuen Synagoge, wo sich in den letzten Jahren wieder so etwas wie ein Zentrum jüdischen Lebens entwickelt hat. Doch rasch realisierte ich, dass auch in diesen Tagen nichts “normal” ist. Als ich den jüdischen Lebensmittelladen Kolbo fotografieren wollte, sprang jemand heraus, wurde fast handgreiflich. Es war verstörend. Gegenüber vom Koblo befindet sich das Beth-Café, in dem ich mich mit jungen deutschen Juden zum Interview verabredet hatte. Die, die sich hier treffen, wollen normal leben, dennoch fragte ich mich: Welcher Gast betritt gerne ein von bewaffneten Polizisten bewachtes Café? Ebenfalls “fotografieren verboten!” hiess es auf eine gewisse Weise auch beim “Mahnmal für die ermordeten Juden Europas” hinter dem Reichstag. Noch immer ist dies ein eigentümlicher Ort, denn die Frage ist doch: Wie verhält man sich in diesem Stelenfeld überhaupt? Die Kamera legte ich weg. So stand auch ich beklommen da, weil ich das Gefühl hatte, hier etwas Falsches zu sagen oder zu tun.

Palast-Rückbau

Abgelegt unter Berlin-Stadtentwicklung am 12.10.2006

Am Grab von “Erichs Lampenladen” gibt es sogar eine Aussichts-Plattform: Die “Palast-Schaustelle”. So machte ich heute dort neue Fotos von der Grabesstelle. Man weiss ja nie in dieser Stadt. Plakate informieren über den “Rückbau” des Palastes, denn das DDR-Parlament wird ja praktisch von Hand zerlegt. Rückbau, wie zynisch das klingt. Kunsthalle, documenta-würdig, eine neu aufflackernde Kulturszene, das wär’s hier gewesen, statt Schloss und Polo-Rasen für Herrn Bodien! Die kupferfarbenen Fenster jedenfalls sind längst weg. Übrig ist ein düsteres Gerippe, in dem man wohl Filme wie “Blade Runner” drehen könnte. Berlins Mitte wird an dieser Stelle wohl noch dröger, als sie es jetzt schon ist. Der Gipfel auch: Jetzt sollen Zusatzkosten auf Berlin zukommen, die höher sind als die eigentlichen Abrisskosten. Der Palast der Republik wurde bekanntlich einst 11 Meter tief in den Berliner Sand gegraben. Wenn man darin rumwühlt, bewegen sich die Fundamente. Hoffentlich säuft der Dom nicht ab. Das würde mich dann doch sehr ärgern.

Einheitstag

Abgelegt unter Berlin-Nachwende am 03.10.2006

Ich bin ein Einheitstag-Muffel und vermutlich liegt das nicht einmal daran, dass ich Schweizerin bin. Es ist ein Tag, der in mir bis heute sehr disonante Emotionen weckt. Da die euphorisierten Erinnerungen an den 3. Oktober 1990 mit der dunkel dröhnenden Freiheitsglocke und Fahnenrausch am Reichstag, dort die Katestimmung jener, die ein “anderes”, “weniger kapitalistischeres” Deutschland wollten und ihren Frust auf dem Kollwitzplatz um Mitternacht (ich bekenne: auch ich) mit Rotkäpchensekt begossen. Sonderbare Stimmung auch beim Film “Good Bye, Lenin!”, der heute lief. Genauer betrachtet ist dieser Film nämlich eine melancholische Betrachtung über den geplatzten Traum, wie die DDR, und danach wohl auch das vereinigte Deutschland, hätte sein können. Ohne Zweifel der Wendefilm, doch konnte ich bis heute nie richtig verstehen, wie man in Deutschland einen Film mit einer derartigen Aussage so ungetrübt feiern kann.


© 2006 Vera Rüttimann