Berlin-Mitte, Rosenthaler-Strasse 40/41. Riesige Menschenknäuel bildeten sich das ganze Wochenende über am Eingang zu den Hackeschen Höfen. Sie sind Inbegriff dessen, was manche an Berlin-Mitte lieben oder auch hassen. Am 23. September nun wurden die Höfe 100 Jahre alt. Das leuchtende Entree, ein riesiger Jugendstilsalon, ist bis heute ein Magnet: Varietés, Bars, Buchläden, Architekturgalerien - manch einer sieht in den Hackeschen Höfen das Herz des New Berlin.
Einige Etappen habe ich selbst miterlebt. 1989, als hier die Sprenglöcher gebohrt wurden. 1992, als erste Nachwende-Abenteurer leerstehende Räume zu entrümpeln begannen und illegale Ateliers einrichteten. 1994 bis 1996 schliesslich die Wiederherrichtungsphase durch die neuen Eigentümer der Roland-Ernst-Gruppe. Ich erinnere mich gut an die Zeit, wie hier stets ein Geruch von frischem Mörtel und Staub in der Luft lag. Damals hatte ich mein Büro noch in den frisch sanierten Gips-Höfen in der benachbarten Sophien-Strasse und quälte mich hier täglich über wackelige Bretter, die notdürftig über Schlammlöcher gelegt wurden. Unter Bauhüllen werkelte man an den schwungvollen Rundgiebeln und den goldenen Firmenschriften auf schwarzem Glas. Das graue Hofgewirr nahm ich lange Zeit nicht wirklich war, wie so viele Häuser im Osten Berlins. Es sah schlicht fast alles gleich grau aus. …
Als im Herbst 1996 die Hackeschen Höfe für das Publikum eröffnet wurden, war das Ah und Oh gross. Der Dreiklang von Wohnen, Gewerbe und Kultur gab in seiner Mischung diesem einmaligen architektonischen Ensemble wieder seinen Charakter. Die Renaissance dieses Ortes wurde zum Katalysator für die ganze Gegend hier. Nicht zur Freude aller, denn die frisch funkelnden Höfe waren, ähnlich wie das zu Tode gefeierte Tacheles, bald in jedem Touristenführer als Ausgeh-Tipp vermerkt. Mit dem Gefühl “Das Scheunenviertel ist unser”, war es nun vorbei. Der Ort wurde überspült.
Doch die Hackeschen Höfe sind erstaunlicherweise bis heute nicht gänzlich zum Schicki-Treffe mutiert. Das liegt vor allem an den vielen kuriosen Gestalten, die die Höfe drinnen und draussen noch immer bevölkern. Angefangen von einer älteren Dame, die die Leute seit Jahren mit einem „Hamse mal einen Euro?“ anquatscht, bis hin zu einem älteren Herr, der, Orden-übersäht und mit mechanischem Kehlkopf, als kuriose Nummer Touristen unterhält. Volksbühne-Intendant Frank Castorf und Ben Becker schliesslich kaufen hier im Spa-Laden vor den Höfen immer ein. Galerie-Volk verkehrt hier ebenso wie Leute, die zu den etwas steifen Veranstaltungen der Böll-Stiftung gehen. Wenn es einen Ort gibt, an dem sich das geteilte Berlin vereint, dann wohl hier.
Noch immer aber gibt es hier ein Stück Nachwendecharme. So setze ich mich noch immer gerne in das schummrige Café Cinema, einem der ersten Szenecafés in Mitte. Auch an diesem Sonntag zogen nun die Touristen auf der Rosenthaler-Strasse an dem „Cinema“ vorbei und manche, die drinnen an den wurmstichigen Tischen sassen, dachten an die Zeit, als die Hakeschen Höfe noch aussahen, als hätte der Zweite Weltkrieg gerade erst aufgehört.