Archiv September 2006

So viel Kunst war nie

Abgelegt unter Berlin-Kunstszene am 30.09.2006

Kunstvolk tummelt sich in der Stadt, schwarzbebrillt, tütenbepackt und palavernd: Es herrscht Kunstherbst. Ein wahres Marathonprogramm lud ich mir heute auf, als ich zuerst den Kunstsalon in der Arena in Treptow besuchte, dann die Preview Berlin in der Backfabrik und schliesslich als krönender Abschluss die Berliner Liste im Umspannwerk in der Kopenhagener-Strasse. Allein am Spachengewirr in den Galerieräumen merkte man, Berlin ist zum Fixpunkt für Künstler aus der ganzen Welt avanciert und ein Ende des Sogs ist nicht abzusehen. Dass es so kommen würde, habe ich immer geahnt. Beim Art Forum vor 11 Jahren mussten allerdings Kölner Galeristen kommen, um die Berliner von der Idee einer eigenen Messe zu überzeugen. Es dauerte Jahre, bis die Stadt ihre Bedeutung, die sie für Künstler hat, richtig begriff. Heute trampelt selbst der japanische Kust-Jetset durch Mitte. Die Kunst auf den Alternativmessen ist auch 2006 jung und frech, die Locations extravagant, die Stimmung ausgelassen. Dass “Goff + Rosenthal” aus New York in der Brunnenstrasse eine Filiale eröffnet haben, erstaunt nicht, denn immer wieder verwandeln Kreative in dieser Stadt einst hässlichste Strassenzüge in wahre Kunstblüten.

Perfekt abhängen

Abgelegt unter Berlin-Kastanienallee am 29.09.2006

Steuern hin, Steuern her, das Wetter war einfach zu schön, um gänzlich drinnen zu versauern. Schliesslich warten rund um den Helmholtz-Platz und die Kastanienallee einige Orte auf, die dazu einladen, den Altweitersommer noch mal richtig zu inhallieren: Das Café Schwarzsauer, in dem die Kastanien-Community rumlümmelt, das “103″ neben der Zionskirche und schliesslich das Café “Eka”, in dem ein Tortenstop gemacht wurde.

100 Jahre Hackesche Höfe

Abgelegt unter Allgemein, Berlin-Hakesche Höfe, Berlin-Stadtentwicklung am 23.09.2006

Berlin-Mitte, Rosenthaler-Strasse 40/41. Riesige Menschenknäuel bildeten sich das ganze Wochenende über am Eingang zu den Hackeschen Höfen. Sie sind Inbegriff dessen, was manche an Berlin-Mitte lieben oder auch hassen. Am 23. September nun wurden die Höfe 100 Jahre alt. Das leuchtende Entree, ein riesiger Jugendstilsalon, ist bis heute ein Magnet: Varietés, Bars, Buchläden, Architekturgalerien - manch einer sieht in den Hackeschen Höfen das Herz des New Berlin.
Einige Etappen habe ich selbst miterlebt. 1989, als hier die Sprenglöcher gebohrt wurden. 1992, als erste Nachwende-Abenteurer leerstehende Räume zu entrümpeln begannen und illegale Ateliers einrichteten. 1994 bis 1996 schliesslich die Wiederherrichtungsphase durch die neuen Eigentümer der Roland-Ernst-Gruppe. Ich erinnere mich gut an die Zeit, wie hier stets ein Geruch von frischem Mörtel und Staub in der Luft lag. Damals hatte ich mein Büro noch in den frisch sanierten Gips-Höfen in der benachbarten Sophien-Strasse und quälte mich hier täglich über wackelige Bretter, die notdürftig über Schlammlöcher gelegt wurden. Unter Bauhüllen werkelte man an den schwungvollen Rundgiebeln und den goldenen Firmenschriften auf schwarzem Glas. Das graue Hofgewirr nahm ich lange Zeit nicht wirklich war, wie so viele Häuser im Osten Berlins. Es sah schlicht fast alles gleich grau aus. …
Als im Herbst 1996 die Hackeschen Höfe für das Publikum eröffnet wurden, war das Ah und Oh gross. Der Dreiklang von Wohnen, Gewerbe und Kultur gab in seiner Mischung diesem einmaligen architektonischen Ensemble wieder seinen Charakter. Die Renaissance dieses Ortes wurde zum Katalysator für die ganze Gegend hier. Nicht zur Freude aller, denn die frisch funkelnden Höfe waren, ähnlich wie das zu Tode gefeierte Tacheles, bald in jedem Touristenführer als Ausgeh-Tipp vermerkt. Mit dem Gefühl “Das Scheunenviertel ist unser”, war es nun vorbei. Der Ort wurde überspült.
Doch die Hackeschen Höfe sind erstaunlicherweise bis heute nicht gänzlich zum Schicki-Treffe mutiert. Das liegt vor allem an den vielen kuriosen Gestalten, die die Höfe drinnen und draussen noch immer bevölkern. Angefangen von einer älteren Dame, die die Leute seit Jahren mit einem „Hamse mal einen Euro?“ anquatscht, bis hin zu einem älteren Herr, der, Orden-übersäht und mit mechanischem Kehlkopf, als kuriose Nummer Touristen unterhält. Volksbühne-Intendant Frank Castorf und Ben Becker schliesslich kaufen hier im Spa-Laden vor den Höfen immer ein. Galerie-Volk verkehrt hier ebenso wie Leute, die zu den etwas steifen Veranstaltungen der Böll-Stiftung gehen. Wenn es einen Ort gibt, an dem sich das geteilte Berlin vereint, dann wohl hier.
Noch immer aber gibt es hier ein Stück Nachwendecharme. So setze ich mich noch immer gerne in das schummrige Café Cinema, einem der ersten Szenecafés in Mitte. Auch an diesem Sonntag zogen nun die Touristen auf der Rosenthaler-Strasse an dem „Cinema“ vorbei und manche, die drinnen an den wurmstichigen Tischen sassen, dachten an die Zeit, als die Hakeschen Höfe noch aussahen, als hätte der Zweite Weltkrieg gerade erst aufgehört.

Ausgehungert

Abgelegt unter Berlin-Kastanienallee, Berlin-Tacheles am 20.09.2006

Es sind diese Schnittestellen zwischen Design, Architektur und Urbanismus, die mich nach einer Zeit der Absenz jeweils wie ausgehungert auf Berlin stürzen lassen. Nach getaner Arbeit auch heute, zuerst zum Design-Shop „Luxus International“ an der Kastanienallee, dann zum Fotoshop-Konzeptladen in der Invalidendstrasse, schliesslich zu diversen Galerien, die sich auf das Art Forum vorbereiten. Es ist das Unfertige, Kantige, das Nebeneinander von Glamourösem und Hässlichem, was hier auf Anhieb reizt. Zum Abschluss der Tour zog es mich zum Tacheles, wohl auch, weil diese sonderbare Wandtapete schräg gegenüber bald Geschichte sein wird.

Billigflug-Pendeln

Abgelegt unter Fliegen, Zürich, Berlin am 19.09.2006

Flughafen Zürich, 20 Uhr. Zurück ging’s nach Berlin. Als Vielflieger kenne auch ich den Weg zum Air-Berlin-Schalter Nr. 7 bereits im Schlaf. Die Leute, die hier in den 21.15 Uhr-Maschine einstiegen, waren fast alles Geschäftsleute.
Fliegen gehört zu ihrem Alltag. Billigflug-Pendler, einer Art neuer Klasse moderner Arbeitsnomaden. Der Typ neben mir begann schon im Steigflug seinen Laptop aufzuklappen, um die Tabellen mit Zahlen zu füttern. Kurios, irgendwie. Im Flieger sassen jedoch auch junge Schweizer Kreative, die in Berlin ihren Projekten nachgehen. Uns jedenfalls eint: Wir können nur deshalb zwischen unseren Lebens- und Arbeitsorten hin und her flitzen, weil man “bereits ab 29 Euro” abheben kann. Billig-Fliegen ermöglicht ein Leben im Spagat, zwischen zwei Städten, zwischen zwei Welten. Kurz vor der Landung liessen einige ihre Blicke noch immer noch nicht von ihren Laptops. Wie kann man? Der Blick von oben auf den nervös blickenden Fernsehturm mitten im nächtlichen Berlin fasziniert stets neu.

Tiefes Unbehagen

Abgelegt unter Vatikan, Interreligiöser Dialog am 18.09.2006

Zurück in Zürich, las ich in Zeitungen, dass sich nichts beruhigt hatte. Ob im Tram, am Hauptbahnhof oder in einem Café am See, der Zwist von Teilen der muslimischen Welt mit dem Papst war Tagesgespräch. Auch wenn der Papst m. M. nach mit dem Zitat im Grunde ausdrücken wollte, dass er gegen Gewalt zur Ausbreitung eines Glaubens ist, so war die Wahl des Zitates, auch in einem akademischen Diskurs, gewiss höchst unglücklich gewählt. Diplomatisch betrachtet ein Schuss in den Ofen, was mich natürlich alle, besonders Freunde aus Berlin, die mit Papst und Vatikan rein gar nichts am Hut haben, genüsslich spüren liessen. Freudentage für Benedikt-Gegner.
Doch wenn ich lese, dass im Internet nun militante Muslime dem Vatikan mit einem Angriff drohen, christliche Kirchen niedergebrannt werden und sogar eine Ordensfrau ihr Leben lassen musste, so macht mich das traurig und wütend Ich finde es nicht richtig, wenn Muslime nach einer Entschuldigung des Papstes rufen, in muslimischen Ländern jedoch Christen vor Übergriffen nicht sicher sind.
Klar jedenfalls ist: Religiös motivierte Gewalt – egal von welcher Konfession – ist ein Erzübel dieser Zeit. Jedenfalls war es das erste Mal seit dem 11. September 2001, dass ich bei Christen in meinem Umfeld, die sich bislang gewiss keiner anti-muslimischen Haltung verdächtig gemacht haben und stets für einen interreligiösen und gewaltfreien Dialog eintraten, wieder so etwas wie ein tiefes Unbehagen über die muslimische Welt spürte.

Unruhiger Abschied aus Rom

Abgelegt unter Vatikan, Rom am 14.09.2006

Zeit, das Hotel San Pietro zu verlassen. Noch einmal das farbige, pralle Römer Leben genossen, vor allem das Viertel Trastevere, wo sich abends das aufgemotzte Jungvolk mit ihren Vespas trifft, um um die labyrinthartigen Gassen zu kurven, den Feuerschluckern und Schlangenmenschen auf den Plätzen zuzuschauen oder ockerfarbene Wände mit Graffiti-Kunst zu besprühen. Trastevere hat viel Ähnlichkeit mit Berlin-Prenzlauerberg, nur sieht man hier kaum einsame Menschen an den Tischen. Miteinander reden ist hier eine Kulturform, die virtuos zelebriert wird. Was für ein Palaver!
Als ich den Tiber verliess, machte sich unter Gardisten bereits Nervosität breit. Im Vatikan wurde die Sicherheitsstufe 1 ausgerufen. Was war passiert? Eine Rede von Papst Benedikt XVI zum Dialog der Religionen rief offensichtlich wütende Proteste aus der muslimischen Welt hervor. Hoffentlich glätten sich die Wogen wieder.

Der Papst in Bayern, wir in Castel Gandolfo

Abgelegt unter Ernst Heller, Vatikan, Rom am 13.09.2006

Das Tagesziel heute hiess Castel Gandolfo, die päpstliche Sommerresidenz. Eigentlich wäre an diesem Mittwoch eine Audienz mit dem Papst eingeplant gewesen, doch just zu dem Zeitpunkt weilte er auf Bayern-Besuch. Zum 3. Mal als Reporter bei einer Schnupperwoche für angehende Schweizergardisten dabei, war das auch für mich eine Première. Treffpunkt war erst die Porta Sant’ Anna, der Haupteingang zum Vatikan. Per Bus ging es über die Via Apia in die Albaner Berge. Die Busfahrt gab Gelegenheit, die Tage zuvor zu resümieren: Die Worte des Kommandanten Elmar Mäders, dass die älteste Armee auch heute ein Korps ist mit ernstem Sicherheitsauftrag; Die Führung zur Waffenkammer mit ihren jahrhundertealten Helmen, Uniformen und Waffen; Die exquisite Tour durch den Apostolischen Palast samt Sala Regia und Sixtinischer Kapelle; Die Gespräche während den Mahlzeiten in der Garde-Kantine, wo ich, als einzige Frau hier, schräge Blicke erntete. Angekommen in Castel Gandolfo, konnten wir nicht nur die päpstlichen Villen bestaunen, sondern auch durch eine Exklusivführung die Gärten des Belvéderes geniessen. Kaum ein Tourist erhält hier ansonsten je einen Blick auf diese fast überirdisch schön anmutende Anlage, was eigentlich fragwürdig und bedauernswert ist. Einmalig wohl auch die Terrasse mit Blick auf den Albaner See, auf der Gardisten uns einen Umtrunk spendierten. Mit einem Essen in einem Römer Restaurant endete die Schnupper-Reise 2006, an der so viele Jugendliche wie noch nie teilnahmen.


© 2006 Vera Rüttimann