Archiv der Kategorie 'Berlin-Kunstszene'

Russische Tapeten und zwei Katzen bei Inga Jacob

Abgelegt unter Berlin-Stadtentwicklung, Berlin-Kunstszene am 02.10.2008

Heute Interviewtermin bei Inga Jacob, der Gründerin der Veranstaltungsreihe Bohème sauvage in Friedrichshain. Ich war sicher ein Jahr nicht mehr in der Gegend rund um die Simon-Dach-Strasse. Auch hier ein ähnliches Bild wie in vielen Vierteln Berlins. Schmuddelige Lokale und szenige Bars sind teuren Bio-Läden und “Lofts” gewichen. Dicke Autos überall. An der Frontseite des Café Cinema prangt jetzt ein Bankautomat. Hätte man das nicht ein wenig dezenter machen können? Das unsanierte Haus von Inga Jacob strahlt noch wohltuenden Charme aus. Und erst die Wohnung, in der sie mich mit Konstantin empfing. Von oben bis unten mit edlen russischen Tapeten gekleidet, dazu Dinge wie ein altes Gramophon, grosse Spiegel, Bücher über die 20er Jahre in Berlin und zwei anhängliche Katzen. Gibt es schönere Arbeitsbedingungen?

Vernissage in der Zionskirche Berlin

Abgelegt unter Berlin-Kunstszene, Fotografie am 13.09.2008

Heute war Vernissage-Tag. Der Morgen begann mit dem Kauf eines neuen Beamers. Die kurzfristige Umverteilung der Räume in der Zionskirche zwang mich zum Handeln. Der Neuerwerb sollte sich als goldrichtig herausstellen. Um Mittag dann treffen mit Ernst im Café Manolo an der Schönhauser. Dabei ging es um die Aufgabe: Wie erklärt man jemandem, der erstmals in Berlin ist, diese Stadt mit all ihren Brüchen und Facetten? Wie macht man klar, dass seit 1990 kein einziger Stein mehr an seinem Platz ist. Ich wagte einige Versuche. Ernst zeigte sich neugierig, ging in den und diesen Hof rein, wollte wissen, was auf dem Plakat steht und warum dieses Haus unsaniert ist. Die Zeit rann dahin. Kämpfte ich noch bis kurz vor 18 Uhr mit der Beamer-Technik, war zu Vernissage-Beginn alles paleti: Ernst spielte auf der Klarinette den Wildcateblues, Esther Ullmann-Goertz sprach sinnige Sätze zu meinen Bildern und der Förderverein Zionskirche spendierte Wein und Schmalzstullen. Im Hintergrund flackerten andere Best-Off-Bilder aus meinem Berlin-Archiv. Gekommen waren Freunde aus Berlin und Familienangehörige aus der Schweiz. Anschliessend ging es entlang der Kirchwände, wo ich zu jedem Bild etwas über Ort, Zeit und Enstehungsgrund sagte. Schon bei der ersten Führung wurde deutlich: Jede Person betrachtet ein Bild aus einem anderen Blickwinkel. Anschliessend versammelte sich die Festgesellschaft in der Kneipe “Kapelle”, wo es Rosé und elässischen Flammenkuchen gab. Ein herrlich turbulenter Tag.

Schwiizlis: Erstmals am Karneval der Kulturen in Berlin

Abgelegt unter Berlin-Kunstszene, Schwiizlis, Schweizer in Berlin am 11.05.2008

Bis kurz vor Beginn wurde geklebt, gesägt und gehämmert. Wohl mancher Daumen musste dran glauben. Aber dann, als der “Karneval der Kulturen” unweit des Hermannplatzes in Neukölln startete, standen sie alle schön in Reih und Glied: Rote, blaue und gelbe Schafe. Solche mit Glocken und Glühbirnen, mit Feder- oder Strickkleid. Umgeformt als Schiff, Skifahrer oder Engel. Alles Originale. Als die “Schwiizlis” - in Berlin lebende Schweizer Kreative -, sich entschlossen, offiziell als Gruppe beim Berliner “Karneval der Kulturen” mitzumachen, dachten wohl so manche: Schauen’ wer mal. … An diesem Pfinstsonntag dann wurden wohl alle von der überwältigenden Resonanz überrascht. Natürlich konnten die Schwiizlis mit ihrer Performance nicht derart glänzen wie die Siegergruppe “Dulce Compania”, die gar auf Stelzen daher kam. Auch von den Brasilianern, von wem auch sonst, wurde man ausgestochen. Doch in der Schweizer Schafherde konnte man nicht meckern. Überall ein grosses Bohei und Gejuchze am Strassenrand. Der Clou waren die Alphörner, die von den Berlinern mit tellerrand-grossen Augen bestaunt wurden. Es war jeweils still wie in einer Kirche, wenn sich die beiden Alphornisten an der Spitze des Zuges ins Zeug legten. Ein Moment der Ruhe inmitten eines tobenden Orkans. Einmalig schön und bewegend. Wer hätte das gedacht? Über Stunden ging das so und mit jeder Kurve schoss mehr Adrinalin in die Schafherde. Das Gebimmel und Gebommel wurde immer lauter. Berrauschend leuchteten die Farben, auch, weil die Mai-Sonne alles wie ein Spotlight ausleuchtete. Fleissig verteilte die Gruppe die rote Karte mit Schaf und dem Slogan “Wir sind hier”. Stoppte der Zug, kam es zu drängenden Fragen: “Wer und was ist hier und was soll das Schaf?” Und: “Was heisst “Chumm sässässaa?” Alles blökte zum Schluss wild durcheinander. Wohl manches Schaf ist an diesem Tag neu zur Herde dazugestossen. Für die erste Teilnahme am “Karneval der Kulturen” war die Performance gar nicht übel.

Hinweis: Vom Karneval habe ich noch zahlreiche Bilder mehr gemacht. Interessenten melden sich bitte unter: info@veraruettimann.com

Foto-Termin mit Schafen vor dem Brandenburger Tor

Abgelegt unter Berlin-Kunstszene, Schwiizlis, Schweizer in Berlin am 05.05.2008

Noch eine Woche bis zum “Karneval der Kulturen” in Berlin. Seitdem die “Schwiizli’s”, in Berlin lebende Schweizer, Kund getan haben, am Karneval mitzumachen, wird in der Hauptstadt gekichert. Die Schweiz, da kommen doch nur Kühe in Frage. Irrtum! Die Touristen vor dem Brandenburger Tor staunten jedenfalls heute Morgen nicht schlecht, als drei Schwiizlis mit ihren Schafen samt Alphorn zum Fototermin vor dem Berliner Wahrzeichen aufkreuzten.

“Der beste Ort auf dem Planeten”

Abgelegt unter Berlin, Berlin-Kunstszene am 07.02.2008

“Der beste Ort auf dem Planeten” übertitelte die Süddeutsche heute einen Artikel über die Gründe, weshalb immer mehr Künstler aus aller Welt Berlin als neue und kreative Wahlheimat schätzen. Dachte: Ein bisschen grössenwahnsinnig geraten der Titel, aber irgend etwas ist daran nicht verkehrt.

Stilprägende Magazine

Abgelegt unter Berlin-Kunstszene am 05.02.2008

An manchen Tagen steure ich lustvoll den Kiosk unter dem S-Bahnhof Eberswalder-Str. an. Ein lärmiger, zugiger Ort, der nicht selten nach Urin stinkt. Den man normalerweise meist schnell und mit geschlossenen Augen hinter sich lassen will. Doch da liegen sie, meine Kinder. Sie heissen: 032c, Liebling, Dummy, Monopol, Qvest. Neue Kultur- und Lifestyle-Magazine aus Berlin. Die meisten von ihnen sind gerade mal drei Jahre alt, das neueste, Bang Bang Berlin, ist gerade erst erschienen. Ohne sie ist mein Sonntag kein Sonntag. Der Latte nur halb so gut. Sämtliche Trend-Cafés sind mit ihnen heute gepflastert. Nur wenige glaubten damals an ihre Zukunft, doch in ihrem Mix aus Hardcore-Themen aus Berlins Untergrund, Erotik und schöngeistigen Kunst-Reportagen, flankiert mit sperrigen Bilder und Layout, haben sie offensichtlich bei vielen einen Nerv getroffen. Bei jenen, die sich an profillos gewordenen Magazinen wie dem Stern sattgelesen und gesehen haben. “032c” aus Berlin wurde von der Herald Tribune gerade zum Magazin des Jahres gekührt. Was mich dabei fasziniert: Diese Magazine schaffen selbst Trends und Stile, wollen ein Brand, ein Fels in der Printflut sein. Sie warten nicht, bis ihnen die Leser die Themen zutragen. Und die Nischenmagazine haben damit tatsächlich Erfolg.

Spaghetti-Essen im “Küchenmonument”

Abgelegt unter Berlin-Kunstszene am 02.02.2008

Als ich heute Nacht nach Hause kam, roch ich wie ein frittierter Fisch. Oder auch nach Spaghetti. Oder nach beidem. Kein Wunder: Anlässlich des 100-jährigen Ehrentages des Hebbeltheaters in Kreuzberg nahm ich an einem Kunst-Essen teil. Genauer genommen in einer Art Zelt, das von aussen wie eine rosa schimmernde Fruchtblase aussah. Im “Küchenmonument”, so heisst das kosmisch anmutende Ding der Berliner Architektur-Plattform “Raumlabor”, wurden live herrliche Köstlichkeiten gekocht. Fischspezialitäten, eine monströs gute Spaghetti-Sauce. Eingeladen war das umliende Wohnviertel. Zahlen musste keiner für etwas. Das sprach sich schnell herum. Wo gibt es denn sowas? In der Blase sassen bald Anwohner, Studenten, Theaterleute und Arbeitslose am Tisch, kosteten Dinge, die es sonst wohl nur in Edellokalen gibt. Sinn des Ganzen: Fremde, die sich sonst wohl kaum kennen lernen würden, sollen zusammen essen, reden. Das geschah auch, auf berührende Art und Weise.
Wie es ist, im “Küchenmonument” zu sitzen, wollte ich nach meinem Artikel über temporäre Architektur unbedingt mal ausprobieren. Es ist genial. ES macht mit einem etwas, verändert die Kommunikation. Unerklärlich. ES verändert ganze Stadtviertel, taucht mal unter einer Brücke auf, zwischen Bäumen oder eben vor einem Theater. Eine Stadthaut. So wie sie gekommen ist, verschwindet sie wieder. Per Knopfdruck. Zurück bleibt eine Utopie.

Anton Corbijns “Control” im Kino Central

Abgelegt unter Berlin-Kunstszene am 30.01.2008

Heute Nacht im Kino Central im Haus Schwarzenberg, meinem einstigen Büro-Ort. Noch immer morbid, schrundig und finster der Weg zum Kino Central. Genau die richtige Einstimmung zum Film “Control”, der Homage an Ian Curtis, dem tragisch früh verstorbenen Sänger der Kultband Joy Division. Expressive Schwarzweiss-Bilder, karge englische Landschaften, kantige Gesichter. Untermalt vom harten, treibenden und hymnenhaften Sound von Joy Division. Der Klangteppich auch meiner Jugend. Ein wahrhaft grossartiges Kinoerlebnis im Central, das in mir lange nachhalt.


© 2008 Vera Rüttimann